Wenn ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt, richtet sich der Blick häufig zunächst auf die Frau. Doch in etwa der Hälfte aller Fälle liegt die Ursache ganz oder teilweise beim Mann. Das Spermiogramm – die standardisierte Analyse der Samenflüssigkeit – ist dabei die wichtigste und aussagekräftigste Untersuchung zur Beurteilung der männlichen Fruchtbarkeit. In diesem Ratgeber erklären wir Ihnen den genauen Ablauf, die Bedeutung der einzelnen Werte und was zu tun ist, wenn die Ergebnisse von der Norm abweichen.
Wann wird ein Spermiogramm empfohlen?
Ein Spermiogramm wird in verschiedenen Situationen empfohlen oder erforderlich:
- Unerfüllter Kinderwunsch: Wenn nach einem Jahr regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eintritt, sollte auch der Mann untersucht werden
- Vor einer Kinderwunschbehandlung: Als grundlegende Diagnostik vor einer künstlichen Befruchtung (IUI, IVF, ICSI)
- Kontrolle nach Vasektomie: Um den Erfolg der Sterilisation zu bestätigen
- Nach Hodenerkrankungen oder -operationen: Zur Beurteilung der verbliebenen Zeugungsfähigkeit
- Bei urologischen Vorerkrankungen: Etwa nach Hodenhochstand im Kindesalter, Varikozele oder Infektionen
Vorbereitung auf die Untersuchung
Damit das Spermiogramm aussagekräftige Ergebnisse liefert, ist eine korrekte Vorbereitung wichtig:
- Karenzzeit: Vor der Probengewinnung sollten Sie eine sexuelle Karenzzeit von 2 bis 7 Tagen einhalten – das bedeutet kein Geschlechtsverkehr und keine Ejakulation in diesem Zeitraum
- Kein Alkohol und keine Drogen: In den Tagen vor der Untersuchung sollten Sie auf übermäßigen Alkoholkonsum und Drogenkonsum verzichten
- Keine Sauna oder Überhitzung: Starke Hitzeeinwirkung auf die Hoden kann die Spermienqualität vorübergehend beeinträchtigen
- Medikamente melden: Informieren Sie Ihren Arzt über alle Medikamente, die Sie einnehmen, da manche die Spermienwerte beeinflussen können
Ablauf der Probengewinnung
Die Samenprobe wird in der Regel durch Masturbation in einen sterilen Becher gewonnen. In den meisten Praxen steht dafür ein diskreter, abschließbarer Raum zur Verfügung. Alternativ kann die Probe auch zu Hause gewonnen und innerhalb von 30 bis 60 Minuten körperwarm in die Praxis gebracht werden.
Wichtig: Die gesamte Ejakulatmenge muss aufgefangen werden, da die Spermienkonzentration in den verschiedenen Fraktionen unterschiedlich hoch ist. Geht ein Teil der Probe verloren, kann das die Ergebnisse verfälschen.
Was wird im Spermiogramm untersucht?
Die Auswertung erfolgt nach den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und umfasst mehrere Parameter:
Ejakulatvolumen
Die Gesamtmenge des Ejakulats sollte mindestens 1,5 Milliliterbetragen. Ein deutlich geringeres Volumen kann auf eine Funktionsstörung der Samenblasen oder Prostata hinweisen.
Spermienkonzentration
Die Konzentration gibt an, wie viele Spermien pro Milliliter Ejakulat vorhanden sind. Der WHO-Referenzwert liegt bei mindestens 16 Millionen Spermien pro Milliliter. Eine verminderte Konzentration wird als Oligozoospermie bezeichnet, das vollständige Fehlen von Spermien als Azoospermie.
Gesamtzahl der Spermien
Die Gesamtspermienzahl pro Ejakulation sollte mindestens 39 Millionenbetragen. Dieser Wert ergibt sich aus Volumen und Konzentration.
Beweglichkeit (Motilität)
Die Beweglichkeit der Spermien ist entscheidend für die natürliche Befruchtung. Mindestens 42 Prozent der Spermien sollten beweglich sein, davon mindestens 30 Prozent progressiv beweglich – also zielgerichtet vorwärtsschwimmend. Eine eingeschränkte Beweglichkeit wird als Asthenozoospermie bezeichnet.
Form (Morphologie)
Die Beurteilung der Spermienform nach strengen Kriterien (Kruger-Kriterien) zeigt, wie viele Spermien eine normale Gestalt aufweisen. Mindestens 4 Prozent normal geformte Spermien gelten als Referenzwert. Eine verringerte Anzahl normaler Formen wird als Teratozoospermie bezeichnet.
Weitere Parameter
- pH-Wert: Sollte zwischen 7,2 und 8,0 liegen
- Verflüssigungszeit: Das Ejakulat sollte sich innerhalb von 15 bis 30 Minuten verflüssigen
- Vitalität: Der Anteil lebender Spermien – mindestens 54 Prozent sollten vital sein
- Leukozyten: Erhöhte Werte können auf eine Infektion hinweisen
Was bedeuten auffällige Ergebnisse?
Ein einzelnes auffälliges Spermiogramm ist noch keine endgültige Diagnose. Die Spermienqualität unterliegt natürlichen Schwankungen und kann durch vorübergehende Faktoren beeinflusst werden – etwa durch Fieber, Infektionen, Stress oder Medikamente in den vorangegangenen Wochen. Daher wird bei auffälligen Werten in der Regel eine Kontrolluntersuchung nach 8 bis 12 Wochen empfohlen, da die Spermienreifung etwa 72 Tage dauert.
Bestätigen sich die Auffälligkeiten, folgt eine weitergehende urologische Diagnostik, die je nach Befund eine Hormonuntersuchung, eine Ultraschalluntersuchung der Hoden oder weitere Spezialuntersuchungen umfassen kann.
Spermienqualität verbessern – was können Sie selbst tun?
Die Spermienqualität lässt sich durch gezielte Maßnahmen positiv beeinflussen. Da die Neubildung von Spermien etwa drei Monate dauert, zeigen sich Veränderungen erst nach dieser Zeit:
- Hitze vermeiden: Regelmäßige Saunagänge, heiße Bäder, enge Unterwäsche und das Notebook auf dem Schoß können die Hodentemperatur erhöhen
- Nicht rauchen: Rauchen verschlechtert nachweislich Spermienkonzentration, Beweglichkeit und Morphologie
- Alkohol reduzieren: Übermäßiger Alkoholkonsum beeinträchtigt die Spermienproduktion
- Gesunde Ernährung: Antioxidantienreiche Kost mit viel Obst, Gemüse, Nüssen und Fisch unterstützt die Spermiengesundheit
- Gewicht optimieren: Sowohl Über- als auch Untergewicht können die Fruchtbarkeit beeinträchtigen
- Stress reduzieren: Chronischer Stress kann die Hormonbalance und damit die Spermienproduktion negativ beeinflussen
Nächste Schritte bei Kinderwunsch
Ein Spermiogramm ist immer nur ein Baustein in der Kinderwunschdiagnostik. Die Ergebnisse werden im Gesamtkontext betrachtet – zusammen mit der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und gegebenenfalls weiteren Befunden. Gemeinsam besprechen wir, welche weiteren Schritte in Ihrer individuellen Situation sinnvoll sind.
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